Tinnitus – Wenn die Ohren verrückt spielen

Von admin

Geräusche beeinflussen unser Bewusstsein und unsere Emotionen noch stärker als Bilder. Und wenn belastende Ohrgeräusche unsere Geräuschempfindung dauerhaft stören, sind häufig Depressionen und tief sitzende Ängste die Folge. Was also ist Tinnitus – und wie lässt er sich behandeln?

Mehr als 7 Prozent aller Deutschen waren bereits wegen Erkrankungen des Innenohrs in ärztlicher Behandlung. Tatsächlich jedoch ist eine weitaus höhere Dunkelziffer sehr wahrscheinlich.

Tinnitus ist wie ein ständiger, für andere unhörbarer Fehlalarm. Jeder Tinnituspatient vernimmt die Störung anders: manche hören einen hohen Pfeifton, andere ein tiefes Dröhnen. Doch auch über ein Rattern, Klopfen oder Sausen wird berichtet. Die andauernden Ohrgeräusche verlieren über die Zeit ihren Warncharakter und werden zu einer Gefahr für die geistige Gesundheit. Das Ziel einer Tinnitus-Therapie ist daher neben der Beseitigung der Ursachen auch, dem Patienten beizubringen, wie er die Geräusche mental vernachlässigen kann, um ihren Bann über seinen Alltag zu brechen.
Dass Tinnitus keine klar umschriebene Krankheit ist, erschwert die Diagnose und verzögert unter Umständen hilfreiche Gegenmaßnahmen.

Wie entsteht Tinnitus?

Wie genau Ohrgeräusche entstehen, ist noch nicht erforscht. Die Wissenschaft hat jedoch einige Anhaltspunkte, anhand derer die Tinnitustherapie bereits vorangetrieben werden konnte.

Sehr häufig beginnt der akute Tinnitus mit einer Funktionsstörung des Innenohrs. Bei Überreizung des Hörsystems kann es häufig auch zu Störungen der beteiligten Hirnzentren kommen. Diese Störungen äußern sich in fehlerhaften Nervenimpulsen.
Derartige Fehlfunktionen können verschiedene körperliche Ursachen haben, über die es bisher kaum gesicherte Erkenntnisse gibt. Es wird jedoch fast einhellig vermutet, dass Tinnitus mit stoffwechselgeschädigten Hörsinneszellen in der Hörschnecke beginnt. Diese leiten Fehlimpulse weiter, die das Gehirn nicht mit dem tatsächlich Gehörten in Einklang bringen kann. Solche Spontanentladungen finden auch im Hörnerv und der Hörbahn statt. „Fehlzündungen“ wie diese beeinflussen die Schallverarbeitung im Gehirn. Da die Hörzentren zum Teil mit Emotionszentren verschaltet sind, entwickeln Tinnituspatienten häufig eine Geräuschüberempfindlichkeit, die eine für die Therapie so wichtige mentale Loslösung vom Ohrgeräusch sehr schwierig macht.


Die Ursache für psychisch bedingten Tinnitus entsteht wiederum durch ein Fehlverhalten des Hörsystems beim Filtern und Unterdrücken von Dauer- und Störgeräuschen, die vom Körper selbst ausgehen (z.B. das
Rauschen des Blutes) oder aus der Umwelt ans Ohr herangetragen werden.

Die Einteilung der Tinnitusformen orientiert sich an der Länge und Intensität der Ohrgeräusche, teilweise auch an deren möglichem Entstehungsort im Hörsystem. Es bleibt allerdings die Frage, ob Tinnitus als Krankheit nicht doch zu komplex ist für eine so simple Kategorisierung. Ratsuchende sollten also immer bedenken, dass Tinnitus eine vielschichtige Krankheit ist, deren Ausmaße individuell bestimmt und therapiert werden müssen.

Kann auch der Arzt die Ohrgeräusche hören, handelt es sich um objektiven Tinnitus. Objektiver Tinnitus kommt allerdings nur äußerst selten vor, in der Regel leiden Patienten unter subjektivem Tinnitus, also Ohrgeräuschen, die nur sie hören.
Die Kategorie „Dauer“ kennt drei Formen: den akuten (besteht höchstens 3 Monate), den subakuten (besteht höchstens 12 Monate) und den chronischen Tinnitus (besteht noch nach einem Jahr, trotz erfolgreicher Behandlung des Auslösers).
Unter der Kategorie „Belastung“ gibt es zwei Formen: den des kompensierten und den des dekompensierten (chronisch komplexen) Tinnitus. Im Falle des Ersteren kann der Betroffene gut mit seiner Krankheit leben, bei Letzterem leiden Körper und Geist so sehr, dass ein normales Leben kaum mehr möglich ist.

Praktisch alle Erkrankungen, die das Hörsystem betreffen, können einen Tinnitus auslösen. Im Außenohr sind dies unter anderem Entzündungen (z.B. im Verlauf von Diabetes mellitus) und Ohrenschmalzpfropfen, die die Geräuschübertragung behindern.
Neben einer Versteifung des Steigbügels (Otosklerose) können im Mittelohr ebenfalls Entzündungen (Mittelohrentzündungen oder ausstrahlende Nasennebenhöhlenentzündungen) Tinnitus auslösen.
Das Innenohr leidet dagegen häufig unter Altersschwerhörigkeit, Hörstürzen, Knalltraumata und Tumoren des Hörnervs.
Organische Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Störungen an der Halswirbelsäule und eine verspannte Kiefermuskulatur scheinen ebenfalls häufige Tinnitusursachen zu sein.

Der Hörsturz – Blitzartig auftretende Symptome mit schleichenden Folgen

Wenn ohne erkennbare Ursache (z.B. ein Knalltrauma) plötzlich eine starke Schwerhörigkeit oder gar Ertaubung auftritt, spricht man von einem Hörsturz. Die wichtigsten Warnzeichen für einen Hörsturz sind neben der Hörminderung auch quälende Ohrgeräusche, bei der Hälfte der Betroffenen auch ein Druckgefühl tief innen im Ohr. Bei etwa einem Drittel kommen noch Schwindelgefühle hinzu. Ein Hörsturz äußert sich nicht durch Ohrenschmerzen, weshalb der sofortige Gang zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt vielen als übertrieben erscheinen mag. Tatsächlich aber ist es unerlässlich, die Symptome sofort behandeln zu lassen, da sonst ein chronischer Tinnitus die Folge sein kann – die Abklärung der Ursache dagegen ist bei einem Hörsturz zunächst zweitrangig.

Üblicherweise wird mit einer Infusionstherapie begonnen. Der Patient erhält über mehrere Tage durchblutungsfördernde Medikamente in einer Kochsalz- oder Zuckerlösung. Manchmal wird auch kurzzeitig der Entzündungshemmer Kortison verschrieben.

Nach der Initialtherapie der akuten Symptome folgt die Suche nach den Ursachen. Dazu werden Hörtests und Gleichgewichtsprüfungen vorgenommen. Darüber hinaus können vom Arzt auch Schädelaufnahmen als nötig erachtet werden. Mit diesen Verfahren wird der Zustand von Innenohr und Hörnerv überprüft.
Blutuntersuchungen und Elektrokardiogramme decken die folgenden Ursachenbereiche ab: Entzündungen, Störungen des Fett- und Zuckerstoffwechsels und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Behandlungsmöglichkeiten bei Tinnitus

Die Behandlung von Tinnitus erfolgt mit einer Mischung aus medikamentöser Therapie und Psychotherapie, denn ein guter Arzt hilft dem Patienten mit chronischem Tinnitus zu verstehen, dass er sich an das Geräusch gewöhnen und sein Leben neu ordnen muss.

In der Anfangsphase eines akuten Tinnitus haben sich verschiedene Medikamente bewährt. Dazu zählen synthetische Zuckerlösungen, die das Blut verdünnen und so die Innenohrdurchblutung verbessern. Auch das örtlich wirkende Betäubungsmittel Lidocain wird seit langem erfolgreich bei der Tinnitustherapie eingesetzt. Es unterbricht die Weiterleitung fehlerhafter elektrischer Entladungen zwischen den Nervenzellen.
Eine Kurzzeittherapie mit Kortison führt oft zu einem Abmildern und sogar Verschwinden der Ohrgeräusche, allerdings ist der Grund dafür nicht genau belegt. Bei chronischem Tinnitus wird dagegen nicht mit Kortison therapiert.

Menschen mit chronischem Tinnitus bleibt nur, die Ohrgeräusche in den Hintergrund zu drängen.
Da viele Tinnituspatienten auch an Innenohrschwerhörigkeit leiden, empfiehlt sich zu diesem Zweck möglicherweise ein Hörgerät. Hörgeräte verstärken sowohl den Nutz- als auch den Störschall in der Umgebung, und so wird häufig das eigene Hörgeräusch überlagert.
Ein anderes Helferlein im Ohr ist der Tinnitus-Masker. Äußerlich ähnelt er einem Hörgerät, doch seine Funktion ist eine etwas andere: der Masker erzeugt selbst ein Rauschen, das die eigenen Ohrgeräusche verdeckt. Dies kann in Ruhe- oder Konzentrationsphasen ablenkend wirken.
Mit Hilfe eines Tinnitus-Noisers, der ein Geräusch produziert, das den Tinnitus nicht vollständig überdeckt, soll der Betroffene lernen, seine Aufmerksamkeit vom Tinnitusgeräusch abzuziehen. Die Behandlung ist erfolgreich, wenn der Tinnitus in den Hintergrund tritt und das Leben des Betroffenen nicht mehr bestimmt.

Der Einsatz dieser Geräte ist Teil der Tinnitus-Retraining-Therapie, dem Versuch der Abkopplung von Geräuscheindruck und Bewusstsein mit dem Ziel einer normalen Wahrnehmung. Das Retraining muss mit psychologisch-psychotherapeutischen Maßnahmen begleitet werden. Die Begleitung durch einen verständnisvollen Arzt, kompetente psychologische Hilfe und die Erkenntnis, dass sich Ohrgeräusche beeinflussen lassen, erhöhen die Chancen auf Linderung und vielleicht sogar Heilung von Tinnitus.

Hinweis: Die hier aufgeführten Informationen dürfen nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung herangezogen werden; sie ersetzen nicht den Arztbesuch.

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